Arbeiten im Urlaub? Zum Konzept des Work-Life-Blending

Abschalten ist wichtig, der Kopf muss sich hie und da erholen und zur Ruhe kommen können. Lange gepriesen wurde daher das Modell der Work-Life-Balance, das allen suggerierte, das Glück liege in der optimalen Verteilung von Arbeitszeit und Freizeit. Und am besten finde beides getrennt voneinander statt. Das klassische Model eben: Work from 9 till 5, dann kommt die Freizeit, aber bitte ungestört vom Beruflichen. So war’s bei unseren Eltern und so ist es auch heute noch, in den meisten Fällen.

Frei & flexibel wie nie
Aufgrund moderner Technologien und der Digitalisierung gestalten sich die Arbeitsabläufe immer flexibler. ArbeitnehmerInnen müssen zum Beantworten von E-Mails nicht mehr im Büro sitzen, Besprechungen sind per Skype möglich, vom Mobiltelefon gar nicht erst zu reden – damit ist man sowieso immer verbunden, wenn gewünscht. Die einst angestrebte Work-Life-Balance wurde somit inzwischen abgelöst vom Work-Life-Blending. Diese Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit verspricht optimale Flexibilität, gerade jenen, die nicht der Typ sind für starre Büroarbeitszeiten. Die freie Einteilung, wann man seine Arbeit erledigen will, lässt sich optimal den persönlichen Bedürfnissen anpassen. Der Job wird der Betreuung der Kinder angepasst, zum Abschalten schnell mal eine Runde Laufen gehen und wer weiß, der nächste kreative Einfall kommt vielleicht beim Zähneputzen: Na dann aber schnell vor das Notebook gesetzt, das wird doch gleich umgesetzt.

Freiheit ist relativ
Schöne neue Welt – da könnte man fast meinen, das Leben wird zum Urlaub und die Arbeit geschieht nebenbei. Doch auch bei scheinbar maximaler Freiheit ist man mitunter fremdbestimmt. Jeder hat eine/n ChefIn, eine/n AuftraggeberIn. Gibt es im klassischen 9-to-5 klare Grenzen, ist beim Work-Life-Blending quasi niemals Feierabend. Ein Treffen mit Freunden oder gar ein Date, plötzlich der Anruf eines wichtigen Auftraggebers, der seine Informationen am besten sofort haben möchte. Vorbei ist’s mit der Entspannung. Die Gedanken sind bei der Arbeit, obwohl man seine Freizeit genießen möchte.

Die freie Einteilung von Arbeit und Freizeit bietet viele Vorteile und ist für viele ArbeitnehmerInnen auch sicherlich ein weiterer Anreiz, um in einem Unternehmen zu arbeiten. Damit für beide Seiten, ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen, die gegenseitigen Erwartungen klar sind, sollten die Rahmenbedingen jedoch unbedingt vorab geklärt werden! Denn eines ist klar: Völlige Auszeiten brauchen ab und an alle zur Regeneration. Die Gefahr, die KritikerInnen im Work-Life-Blending sehen, ist die, dass die Menschen gar nicht mehr abschalten können, dass sich Arbeit und Freizeit nicht abwechseln, sondern, dass die Arbeit sich weiter ausdehnt und die notwendige Freizeit okkupiert. Inwieweit man also etwa im Urlaub für KollegInnen und Vorgesetzte erreichbar sein will bzw. muss, hängt vom Job, dem Unternehmen sowie von der Einstellung des/der Einzelnen ab.

Lese-Tipp für den Urlaub
Sie sind noch auf der Suche nach einer Urlaubslektüre und interessieren sich für das Thema Work-Life-Blending? Dann schmökern Sie doch in Christian Scholz‘ aktuellem Buch „Mogelpackung Work-Life-Blending“ (Wiley Verlag 2018, 230 Seiten). Darin beleuchtet er das Thema kritisch und stellt sich und den LeserInnen die Frage, ob dieses Modell erstrebenswert ist.

von Mag. Catharina Fink